Eine lerntheorethische Perspektive: Culturatorium - Macht Spass! Und was sonst noch?

Elisa Hartmann, GAB


Samstagmittag 12 Uhr in einem Münchner Theaterraum, die Fenster sind aufgerissen, die Leute tröpfeln langsam rein, es gibt Brezn und es wird gelacht. Humorvoll wird die Teilnehmerliste ausgelegt, die deutsche Bürokratie auf die Schippe genommen und die drei Teilnehmerinnen, die lieber noch ein wenig auf der Straße bei einer Zigarette tratschen, mit einem scherzhaften Aufruf aus dem Fenster darauf aufmerksam gemacht, dass es jetzt losgeht. Vor uns (das sind rund 15 Laien mit und ohne eigene Migrationserfahrungen und mit sehr unterschiedlichen Sprachkenntnissen) liegen vier Stunden Improvisationstheater im Kontext eines interkulturellen Trainings. Am nächsten Tag soll ein Auftritt folgen. Und klar ist schon jetzt: Es wird viel gelacht.


Zu Beginn machen wir eine kleine Aufwärmübung, in der wir unsere ganze Aufmerksamkeit brauchen und unsere Körper in Bewegung kommen. Danach schlüpfen wir in unterschiedliche Rollen und gehen im Raum hin und her. Uns begleitet die Aufforderung der Trainer: „Bleibt ganz bei euch – achtet darauf, wie es sich anfühlt, so zu gehen.“ Eine Weile später stehen wir auf der Bühne, jeder hat sich eine Rolle ausgesucht, Frau Merkel ist ebenso dabei wie Der Behzat Ç. und Mohamed Ali. Die Trainer geben uns noch das ein und andere mit auf den Weg und schon fängt es richtig an: Ich befinde mich in der Mitte der Bühne, werde in eine Position gerückt, bin in meiner Rolle und kriege jetzt einen Zuruf: Man darf nicht über rote Ampeln gehen! Ich stocke, höre: „Mach was draus!“ Und: „Vertraue in deinen Arm!“, der im rechten Winkel nach vorne ausgestreckt ist. Ich fange an, löse mich langsam aus der Ausgangsstellung, versuche diese weiterzuführen und in eine „Rote-Ampel-Bewegung“ zu bringen. Da erschallt es: „Freece!“ Ich friere die Bewegung ein und die Trainer geben mir Feedback. Durch die „Rückspultaste“ habe ich die Möglichkeit, wieder zurück in meine Ausgangssituation zu gehen und es nochmals zu probieren. Nach dem zweiten „Freece“ klopft mir jemand auf die Schulter und übernimmt meine Position – Weiter geht’s. Jeder kommt der Reihe nach dran, die Aufgabenstellungen werden zunehmend komplexer und die zu spielenden Sequenzen länger. Eins ist klar: Es macht Spaß. Aber was gibt es da noch?


Was sind die Ziele eines interkulturellen Trainings? Es reicht erfahrungsgemäß nicht aus, ein bloßes Wissen über interkulturelle Themen zu erhalten, vielmehr geht es darum, kompetent zu werden im Umgang mit interkulturellen Fragestellungen. Was aber ist damit konkret gemeint? Und wie lassen sich solche Kompetenzen gezielt entwickeln? Ein kurzer Exkurs: Kompetenzen können verstanden werden als Befähigung, mit neuen Situationen und bisher unbekannten Handlungsanforderungen erfolgreich umgehen zu können. Im interkulturellen Kontext kompetent handeln zu können heißt zum Beispiel, mit Irritationen umgehen zu können, also mit Dingen, die einfach passieren, die man vorher nicht erahnt hat. Dann steht man vor der Frage: Was macht man draus? Dazu einen Input zu kriegen, oder einen Text zu lesen, ist bestimmt interessant, führt aber noch lange nicht dazu, dass man es danach auch selbst umsetzen kann.

Um in einer Situation handlungsfähig zu sein, bedarf es einiges mehr als Wissen, nämlich Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie Haltungen und Werte, die dem eigenen Handeln Orientierung geben. Um Kompetenzen zu erwerben, bleibt es nicht aus, bestimmte Fertigkeiten zu üben und auch auf die Haltungs- und Werteebene zu fokussieren. Dies ist allein dadurch möglich, dass man neue Erfahrungen macht. Und genau da setzt das Improtheater an!


Selbst aktiv werden

„Mach was draus!“ Das ist eine Aufforderung, die man ständig hört. Nicht blocken, sondern annehmen.“ Selbst aktiv werden, das steht im Vordergrund des Improtheaters und ist zugleich eine wesentliche Voraussetzung dafür, etwas zu lernen, denn: Man kann nicht gelernt werden. Der beste Lehrer schafft es nicht, einem etwas Neues zu „lernen“, wenn man nicht selbst aktiv wird, also das Gehörte durchdenkt, es darauf abklopft, an welchen Erfahrungen es ansetzen kann, es in eigene Worte fasst und es ausprobiert.


Im Improtheater steht das „selbst Tun“ im Vordergrund, man ist von Anfang an gefragt, selbst aktiv zu werden, sich auszuprobieren, die Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen, zurückzugehen, um nochmals einen anderen Weg auszuprobieren. So kann man sich und den eigenen Körper in unterschiedlichen Situationen erleben, übt neue Fähigkeiten, und hinterfragt auch mal die eigenen Muster, wenn man einen anderen Weg geht als den altbekannten. Es entwickelt sich so eine gewisse Flexibilität, mit offenen Situationen umzugehen, weil der Körper in diesem Prozess die Erfahrung gemacht hat, dass 1. irgendetwas immer entsteht und 2. es unterschiedliche Wege gibt, mit einer Situation umzugehen. So werden neue Reaktions- und Handlungsweisen eingeübt, die einem später, in einer realen Situation, dann eher zur Verfügung stehen.


Schon Aristoteles wusste: „Man lernt zu tun, indem man tut!“ Um Handlungskompetenzen entwickeln zu können, ist man gezwungen, in konkreten Situationen Herausforderungen zu meistern – man lernt also Neues, indem man das tut, was man lernen möchte. Mach was draus! So lautet die Aufforderung an den Laien, der auf der Bühne steht.


Um sich zu trauen, ins Tun zu kommen, helfen die Aufwärmübungen, in denen die Aufmerksamkeit auf den Körper gerichtet wird und erste Erfahrungen darin, aus der eigenen „Rolle“ zu schlüpfen, ihre Grenzen zu spüren. Durch das Gehen in unterschiedlichen Characteren wird spürbar, wie man eine bestimmte Art des Gehens als die eigene individuelle eingeübt hat - und auch, dass es schon etwas Mut braucht, andere Geh-Weisen einzunehmen.


Beziehung gestalten

Damit es gelingt, sich zu trauen, dafür hilft eine lockere Atmosphäre, in der von Beginn an gelacht wird und die zwei Trainer mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie sich selbst auf den Arm nehmen, über sich lachen. Zugleich streichen sie auch die Unterschiedlichkeiten, die bei den Teilnehmenden vorhanden sind, positiv heraus: „Wir arbeiten mit denen, die da sind, manche von euch haben ja was vorbereitet, die anderen können es jetzt noch tun. Wir arbeiten mit der Sprache, die da ist. Kein Problem!“ So entsteht eine wertschätzende humorvolle Atmosphäre, die einem hilft, sich zu „zeigen“, sich zu trauen, aktiv zu werden.


Im Lernen ist Beziehung wichtig, denn, wenn ich etwas tue, was ich noch nicht kann, dann brauche ich das Vertrauen, dass es OK ist, auch wenn mal was schief geht, dass ich mich zeigen kann, auch mit dem, was ich noch nicht weiß. Das Improtheater erzeugt solche Situationen zu Hauf: Eine Teilnehmerin ist in ihrer Rolle und erhält einen Zuruf: „In Deutschland besteht Meinungsfreiheit!“, zu dem sie etwas machen soll. Sie versteht dies nicht und fragt nach. Eine andere Teilnehmerin erklärt es ihr so: „Hier kannst du sagen, was du willst! Einfach so. Kannst dich hinstellen und sagen: Söder find ich scheiße! In anderen Ländern wirst du dann verhaftet.“ Eine andere Teilnehmerin schafft es nur schwer, in Bewegung zu kommen, vielmehr erzählt sie die Scene, die sie eigentlich spielen will in einer starren Position. Ein Trainer springt ihr als Mitspieler zur Seite und bietet ihr etwas an, sodass sie ihre Position verändern muss – so kommt sie in Bewegung. Um zu lernen, nicht mit dem Rücken zum Publikum zu stehen, hilft eine Tröte, die erschallt, sobald „der Popo“ zu sehen ist. Die Versuche der Teilnehmenden werden durchgehend positiv bestärkt, dann ergänzt, und es gibt die Möglichkeit, durch die „Rückspultaste“ wieder zurück zum Ausgangspunkt zu kommen und es nochmals zu probieren.


Mit dem ganzen Körper lernen

Wir sind es gewohnt, Lernen mit dem Lernen in der Schule gleichzusetzen. Das Bild ist folgendes: Vorne steht eine Lehrkraft und erklärt uns etwas, oder aber wir erarbeiten uns Fachwissen aus einem Buch, das objektives Wissen enthält, rational und analytisch aufbereitet. Wir nutzen dabei vor allem unsere kognitiven, intellektuellen Fähigkeiten, nehmen möglichst genau Dinge auf und können sie wiedergeben. Dabei befinden wir uns meist in einer neutralen, sachlich distanzieren Beziehung zum Lernstoff. In diesem Prozess ist vor allem unser Kopf beteiligt. Vieles von dem, was wir können, lernen wir aber auf andere Weise: Indem wir unseren ganzen Körper einsetzen. Wir denken dann nicht mehr geradlinig-analytisch, sondern eher assoziativ, hören auf unser Gefühl und befragen unsere Erfahrungen. Wir setzen all unsere Sinne ein: erspüren komplexe Zusammenhänge und probieren aus, was passiert, wenn wir es so machen oder ein bisschen anders. Dadurch werden wir wahrnehmungsoffener und auch fähiger unsere Sinne einzusetzen, weil wir es einüben, auch auf andere Dinge zu hören, als das, was unser Kopf sagt. Jeder, der Fahrradfahren gelernt hat, kennt diesen Prozess.


Für diese Art des Lernens ist das Improtheater besonders geeignet, weil man hier geradezu gezwungen ist, sich von dem rationalen analytischen Denken und dem darüber Sprechen frei zu machen, um sich mit allen Sinnen in das Hier und Jetzt zu begeben und spontan und ohne die Möglichkeit, vorab zu planen, etwas entstehen zu lassen.


Wir lernen immer!

Menschen sind Lernwesen, das heißt, wir lernen so durchgängig wie wir atmen. Die Frage ist nur, was wir lernen. Im Improtheater haben wir die Möglichkeit zu lernen, dass wir darauf vertrauen können, dass sich etwas zeigen wird, auch wenn wir es jetzt noch nicht sehen. Wir haben die Möglichkeit, mehr auf die Kommunikationsfähigkeit unseres Körpers zu vertrauen und diese weiter auszubilden. Wir schaffen es, in eine Kommunikation zu kommen, die nicht sprachbasiert ist. Insbesondere diejenigen, die nur eingeschränkt über die deutsche Sprache verfügen, können sich so ein Stück weit aus dieser Eingeschränktheit lösen und breiter kommunizieren. Und wir lernen auch: Ich kann was! Wenn ich mich traue, entsteht etwas und das ist gut. Und ich kann mich dabei auch auf die anderen verlassen, die mir helfen, wenn ich nicht weiterweiß.


Das Improtheater – Bühne frei! funktioniert als Bildungsmaßnahme im interkulturellen Training, weil es folgenden Rahmen schafft:


Alle sind gleich:

Bis auf die Trainer sind keine Profis dabei, es ist keinerlei Vorwissen vonnöten, um daran teilzunehmen. Und auch die unterschiedlichen Sprachkenntnisse können zum Großteil außen vor gelassen werden, weil das Improtheater davon lebt, mit dem Körper zu kommunizieren.


Man ist frei:

Durch die Arbeit auf der Bühne wird ein Raum geschaffen, der zweckfrei ist und nicht rational gefüllt werden muss, sondern gerade nach der Umkehrung fragt: Kreativität ohne Sachzwänge mit assoziativen Handlungsketten. Ein Freiraum entsteht, in dem es möglich ist, sich als Individuum zu zeigen, mit all seinen Potenzialen.


Man bestärkt sich:

Im Improtheater kann jeder die Erfahrung machen: Irgendetwas entsteht immer, auch wenn man es zunächst überhaupt nicht einschätzen kann, was es sein wird. „Vertraue darauf, vertraue auf deinen Körper, er wird dir etwas zeigen!“ Die Trainer bestätigen immer wieder: „Wir sind da! Du bist nicht alleine, wir helfen dir!“ Und das Ergebnis wird gelobt: „Ja, das hast du gut gemacht. Super!“ Oder aber auch: „Ok, das war eine Möglichkeit, jetzt spulen wir zurück und suchen eine neue Möglichkeit.“ Dadurch kann man sich ausprobieren, sich in einem gesicherten Raum unterschiedliche Wege erarbeiten und es entstehen so ganz neue Erfahrungen mit unterschiedlichen Verhaltensweisen, die spielerisch und zweckfrei erprobt werden können.

1  Vgl. hierzu: GAB München (2016): Thesen zum Lernen/ J. Buschmeyer (2015): Kompetenzlernen und Lernprozessbegleitung./ J. Buschmeyer, E.Hartmann, N. Kleestorfer (2017): Sich verstehen uns wirksam lernen in der Einarbeitung.

2  Vgl. hierzu auch: C.Munz, J.Wagner, E.Hartmann (2012): Die Kunst der guten Dienstleistung. / M.Brater et al. (2011): Kunst als Handeln. Handeln als Kunst.


Die GAB München ist ein unabhängiges Forschungs-, Beratungs- und Weiterbildungsinstitut, das sich mit Fragen rund um das Thema Arbeiten und Lernen von Individuen und Organisationen beschäftigt. Elisa Hartmann begleitet Lernprozesse und wirkt als Wissenschaftlerin auch an der Entwicklung von Ansätzen und ganzheitlichen Konzepten mit Fokus auf Kompetenzentwicklung und Persönlichkeitsbildung mit. Ihr Interesse richtet sich hierbei insbesondere auf Interkulturalität, Verständigung sowie erfahrungsgeleitetes und künstlerisches Handeln.

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