Interkulturelle Öffnung - Erfahrungen mit dem Culturatorium aus der Altenpflege

Aktualisiert: Feb 11

DRAFTJS_BLOCK_KEY:bh5huvon Daniela Weis


Die stationäre Altenpflege ist in aller Munde: Personalknappheit, Finanzierung und pflegerischer Rahmen werden in Politik und Medien bemängelt bzw. in Frage gestellt. Durch die Förderung „ambulant vor stationär“ wird das Klientel, das sich mehr oder weniger gewollt in stationäre Pflege begibt, tendenziell älter und sowohl körperlich als auch geistig hochgradiger pflegebedürftig, wodurch sich die Aufenthaltsdauer verkürzt. Die Beschäftigten in der Pflege erleben beinahe täglich überraschende Wendungen in ihrer Arbeitssituation: Krankheitsausfälle beim Personal, Neueinzüge, Sterbefälle oder kurzfristige Prüfungen durch Heimaufsicht oder Krankenkassen - eine Wundertüte die allen Beteiligten große Flexibilität und Energie abverlangt. Die stationäre Altenpflege ist in einer Nische verortet, die schwankt zwischen gesellschaftlichem Desinteresse und brisanten Skandalreflexen. Hinzu kommt hohe Emotionalität bei allen Beteiligten, sicherlich verständlich, klingt doch letztendlich die eigene Endlichkeit und das mögliche Ende der Selbstbestimmung auch persönlich immer mit an. Ein Thema das alle betrifft.


In dieses hochkomplexe und spannende Feld hinein begab sich das Projekt „Interkulturelle Öffnung der Langzeitpflege“ (gefördert durch das Sozialreferat der Landeshauptstadt München) im Jahr 2014. Interkulturelle Öffnung hat die Ziele, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit tatsächlich einzulösen, Barrieren abzubauen, sowohl zur Versorgung hin als auch dann in der Versorgung selbst, Machtgefälle kritisch zu reflektieren und das alles partizipativ und als Querschnittsaufgabe aller, von der Küchenhilfe bis zur Geschäftsführung1. So weit, so komplex und in der Umsetzung innerhalb des oben angedeuteten marginalisierten Feldes beinahe eine Mammutaufgabe.


Noch dazu eine besonders notwendige, wie sich in unserer Einrichtung Leonhard-Henninger-Haus, einem evangelischem Altenheim im Münchner Westend unter der Trägerschaft der Hilfe im Alter gGmbH der Inneren Mission München allein schon an den Zahlen zeigt: Knapp 70% der Mitarbeitenden haben einen ausländischen Pass aus ca. 20 verschiedenen Nationen, bei den Bewohnerinnen und Bewohnern sind es ca. 12-15%, der Anteil der älteren Menschen über 65 im Stadtviertel mit Migrationshintergrund liegt allerdings bereits bei 45%, eine rasant steigende Bevölkerungsgruppe.


Für die Projektplanung war für uns zu Beginn des Interkulturellen Öffnungsprozesses die große Frage, wie können wir Mitarbeitende für Fortbildungen begeistern, sie an den tagtäglichen Themen arbeiten lassen ohne dass es sich nur wie zusätzliche Arbeit anfühlt? Wie können wir eine Perspektive vermitteln, abgegrenzt vom kontrollierend-defizitären Blick, den Pflegekräfte regelmäßig in Prüfungen und Medienberichten vor Augen geführt bekommen? Wie können die Mitarbeitenden sich näherkommen und in ihrem kulturellen Verständnis begegnen und vielleicht auch verstehen, warum sie Erwartungen an Pflege oftmals so weit auseinander liegen innerhalb eines Teams? Wie können die Unterschiede in Profession, Herkunft, Bildungshintergrund und die Erwartungen an die Zusammenarbeit im Team letztlich als gewinnbringend und nicht als trennend empfunden werden? Und all dies am besten spür- und erlebbar und nicht als Theorie bleibende Sonntagspredigt.


Eine starke und hilfreiche Antwort auf diese Fragen lag für uns im Ansatz der Culturatoriums, mit dem wir in Form von Fortbildungsangeboten und als integrierte prozessbegleitende Maßnahme über 3 Jahre zusammengearbeitet haben. Zu Beginn starteten wir bei den ersten Fortbildungen mit freiwilligen, besonders motivierten Pflegekräften und mit etwas Aufregung auf beiden Seiten wie ich glaube. Denn neben der herkunftsspezifischen Öffnung musste sich auch die Pflege erst einmal für das Format „interkulturelles Training“ öffnen - und die TrainerInnen für das größtenteils unbekannte Feld der Altenpflege. Reisen in fremde Welten, ganz ohne Nationalkulturunterschied. Dieses miteinander und aneinander Wachsen war es, was von Beginn an ein hohes Maß an Authentizität in die Fortbildungen brachte. Wie gehe ich damit um, wenn ich den anderen nicht verstehe? Hier wird es vorgelebt mit Humor, vermeintlich „dummen“ Nachfragen und natürlich: mit Theater! „Spiel mal, wie du das machen würdest mit dieser Bewohnerin?!“ Und dabei schwingt vonseiten der ReferentInnen auch mit: Lacht mich ruhig aus, weil ich mich so unbeholfen anstelle – ich lache mit und führe euch so gleichzeitig vor Augen, wie kompetent ihr offensichtlich seid – ohne es manchmal selbst zu bemerken.


Die Fortbildungen wurden nach den ersten Beschnupperungsversuchen schnell Standard für alle Mitarbeitenden – übrigens aller Bereiche. Ganz nebenbei konnte diese bunte Zusammensetzung aus Verwaltung und Hauswirtschaft und Pflege und Küche und psychosozialer Betreuung am Ende jedes Mal in ein irgendwie geartetes Wir-Gefühl umgewandelt werden.


Im Vordergrund stand inhaltlich die Sensibilisierung: wo habe ich eine kulturelle Brille auf, die meine Wahrnehmung beeinflusst, wo mache ich Fehleinschätzungen aus meinem ganz eigenen „Normal“ heraus? Ein fiktiver türkischer Senior, der gespielt vom Referenten immer facettenreicher für Irritationen sorgte, leistete dabei große Hilfe um Wahrnehmungsverzerrungen zu entlarven – er war einfach nicht so wie die Schubladen es verlangten. Und von da aus ging es lebendig weiter: Assoziationen zu weiteren Bewohnerinnen, die die Mitarbeitenden kannten und Situationen, die in wechselnden Rollen nachgespielt wurden. Interessant zu sehen, wie die Kollegin in der Situation reagiert hat, ich hätte da einen anderen Zugang dazu… Nächste Szene!


Die Arbeit in der Fortbildung, in der die Theorieinputs eher beiläufig wirkten, bestand aus Bildern, Szenen, viel Humor und war für unsere mehrsprachigen und multikulturellen Besetzungen eine Bereicherung: Endlich einmal eine Fortbildung, die wirklich an den Kompetenzen ansetzt: Am Handeln, am Fühlen, an Interaktion die ohne Sprache auskommt. Viel zu oft fokussiert der Pflegealltag auf die Defizite in Sprachkompetenz und Pflegedokumentation, sicherlich wichtige Themenfelder, doch sowohl fürs Sprachelernen als auch fürs fachliche Lernen ist ein entspannter und positiv bestärkter Geist von großem Vorteil. Ein wohlwollendes Menschenbild das auf das Potential in den Menschen und deren Entwicklungsmöglichkeiten fokussiert, auf Mehrwert von Migrationserfahrungen und interkultureller Kompetenz wurden durch die sehr zugewandte Art vermittelt und entspann sich zunehmend auch untereinander.


Das Ansprechen auf der Beziehungsebene, bei der sich auch die ReferentInnen auf (bisher) ungewohnte Art zeigten, konnte eine Nähe und ein Vertrauen herstellen und dadurch als sehr schwierig erlebte Erfahrungen auf den Tisch bringen: Diskriminierung im Alltag, erlebte sexuelle Übergriffe in der Pflegesituation, die ungeklärte Aufenthaltssituation in Deutschland, ein Sich-ausgegrenzt-fühlen wenn man die Sprache der anderen im Team nicht versteht. Entsprechend waren die Rückmeldungen: durchwegs positiv, „nicht eingeschlafen trotz Frühschicht davor“ (ein durchaus ernstzunehmendes Kompliment angesichts der körperlichen Anstrengung), Vorfreude auf kommende Veranstaltungen, um nur einige zu nennen.


Die Möglichkeit, im Rahmen der Fortbildungen auch eine Bedarfsabfrage anzuschließen, half dem Interkulturellen Öffnungsprozess nah an den realen Themen der Mitarbeitenden zu sein in einem Moment in dem diese gedanklich voll im Thema waren. Auch wenn die Rahmenbedingungen nicht alles hergeben (können), was gewünscht ist und eine gewisse Enttäuschung einsetzt, wenn der Schwung dieses Moments sich im Alltag eben nicht so wiederfindet wie gehofft, war es doch eine breite Sammlung an Ideen und Anregungen. Und zeigte anschaulich, wie viel es eigentlich braucht, damit die Welt im Mikrokosmos Pflegeheim gut zusammen leben und zusammen arbeiten kann. Und wie wenig, weil die Menschen das meiste schon dabei haben: Gespür füreinander, Reflexionsfähigkeit, Geduld, so einfach und so schwer das im beständig dichten Alltag zu leben ist.


Die theaterpädagogische Herangehensweise bot die Möglichkeit Hierarchien und bestehende Konfliktlinien anzuspielen und damit in indirekter Weise anzusprechen und zu hinterfragen. Sie schuf den Rahmen, unterschiedliche Varianten von Nähe und Distanz körperlich auszuprobieren und ins Gespräch zu kommen über Höflichkeitsvorstellungen (die Kollegin, die nie Blickkontakt aufnimmt ist vielleicht auf ihre kulturelle Art besonders respektvoll?! Die Bewohnerin, die mich immer „herumscheucht“ sobald ich in ihrem Zimmer bin, zeigt mir dadurch, wie nah ich ihr stehe?! Der Kollege, der meine Fragen nach Schichttausch im Dienstplan nicht beantwortet, möchte damit höflich sein „Nein“ formulieren und signalisiert nicht seine Zustimmung?!), die den Alltag miteinander doch oft sehr erschweren können.


Der Impro-Ansatz eröffnete Raum für die aktuellen Themen, die eben kamen, ohne alle Lernziele von vornherein vorzugeben – viele Teilprojekte im Interkulturellen Öffnungsprozess nahmen ihren Anfang in den Fortbildungen.


Und last but not least: die eigentlich originär interkulturelle Herangehensweise, auf Augenhöhe zu kommunizieren, die Bereitschaft der ReferentInnen wechselseitig von und mit den Mitarbeitenden zu lernen und mit einem Augenzwinkern über Barrieren hinweg Menschen zusammenzubringen und Raum für Neues bereitzustellen, war nicht nur theoretischer Ansatz, sondern gelebte Praxis.


Es bleibt zu wünschen, dass die Mitarbeitenden in der Altenpflege in ihrer besonderen Situation mehr abbekommen dürfen von dieser Art des Miteinanders, des Austausches und des Lernens – nicht als wertvolles, aber doch begrenzt finanziertes Projekt sondern dauerhaft etabliert. Dies käme nicht nur den Teams, sondern damit direkt den Pflegebedürftigen dieses Landes zugute. Sie alle hätten es verdient.


Daniela Weis, Diplompsychologin

Projektleiterin „Interkulturelle Öffnung“ der Hilfe im Alter gGmbh 2015-2019







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